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Landschaften sterben still - Naturjuwel Steinbachtal

Steinbachtal - Blick über das Tal

Foto 2024-07-22        Blick in das Steinbachtal


Dass die Klimaerwärmung und viel stärker noch das rasante Verschwinden vieler Arten zwei der gravierendsten Umweltprobleme unserer Zeit sind, dürfte inzwischen Allgemein-wissen sein – und ebenfalls, dass die Maßnahmen, die dagegen ergriffen werden, bei weitem nicht ausreichen.

Vom Versuch, das Artensterben wenigstens in bescheidenem Rahmen zu bremsen und eine wertvolle Landschaft zu schützen und auf Dauer zu erhalten, handelt der folgende Bericht.

Landschaften sterben still

Im südwestlichen Vogelsberg in Hessen gibt es – fernab der deutlich bekannteren Rhein-Main-Region – ein Wiesental, das sprichwörtlich aus dem Rahmen fällt. Ganz im Gegensatz zu den weitläufigen Fluren der benachbarten Wetterau mit ihren intensiv genutzten Großackerflächen gibt es hier ein kleinparzelliges Landschaftsmosaik mit Äckern und Wiesen, Heckenzügen und prächtigen Solitärbäumen, einem kleinen Bach, Wasser- und Röhrichtflächen und sogar einem aufgelassenen Steinbruch.

Bereits vor vier Jahrzehnten unternahmen wir Naturschützer damals einen ersten Ver-such, diese außergewöhnlich reich ausgestattete Landschaft unter Schutz zu stellen, traten aber dann von diesem Plan vorerst zurück, um die naturschutzrechtliche Unterschutzstellung und Sicherung großer Auenflächen in der Wetterau zu ermöglichen.

Lange danach, nämlich erst im Jahr 2018, nahmen wir einen neuen Anlauf, weil uns dieses außergewöhnliche „Naturjuwel Steinbachtal“ durch Eingriffe vielfältiger Art zunehmend gefährdet schien.

Nachdem das für die Ausweisung zuständige hessische Regierungspräsidium Darmstadt den Antrag zunächst abgelehnt hatte, ist kürzlich das Verfahren offiziell auf den Weg ge-bracht worden. Das ursprüngliche Argument, das als NSG beantragte Gebiet sei zwar schutzwürdig, aber nicht schutzbedürftig, konnten wir durch zahlreiche Erfassungslisten und Beobachtungsdaten von Schmetterlingen, Wildbienen, Winterpilzen, Großkäfern usw. entkräften.

Wie nicht anders zu erwarten war, formierte sich sehr schnell – und leider auch in vielen Argumenten unsachlich – der Widerstand der Grundstücksbesitzer und Landwirte.

„Die Landschaft im Steinbachtal haben wir Bauern doch erst so geschaffen, wie sie heute ist. Eine Unterschutzstellung als Naturschutzgebiet ist kompletter Unsinn.“

Diese Feststellung ist nicht falsch – sie ist aber leider nur die halbe Wahrheit.


Dass sich Landschaft permanent verändert, dürfte unbestritten sein. Dass sich Landschaft vor allem aber zum Negativen verändert – sozusagen „heimlich“ – mögen die folgenden Zeilen belegen.


Ich bin Jahrgang 1946, kann also schon auf einige Jahrzehnte Entwicklung in unserer überschaubaren Dorfgeschichte und die landschaftliche Veränderung in der Umgebung zurückblicken.

Als Buben standen mein Zwillingsbruder und ich bei der Heuernte schützend vor unseren beiden Pferden, die mit „Tuchschürzen“ vor ihrer Brust und mit übel riechendem „Franzosenöl“ gegen eine Unzahl von Bremsen geschützt wurden, die in dichten Trauben deren Blut saugten. Alle unsere Abwehrversuche mit Fliegenplatschen gegen diesen Blutzoll halfen leider nicht viel.
Aktuell weiß ich nicht, wann ich die letzte Bremse gesehen habe, immerhin ein großes und eindrucksvolles Insekt, eigentlich nicht zu übersehen.

Nebenan in einer abschüssigen vernässten Wiesenecke versuchten wir oft, einen der zahlreichen Laubfrösche zu fangen - vergeblich. Sie waren einfach zu flink für uns und entzogen sich geschickt durch einen rechtzeitigen weiten Sprung unserem Zugriff. Uns blieben dann lediglich nasse Socken – und danach nur noch die Erinnerung.

Am anderen Ende dieser Wiese sehe ich heute noch auf einem Koppelpfahl den Wiedehopf sitzen, unübersehbar und unverkennbar durch sein buntes Gefieder und seinen lan-gen, gekrümmten Schnabel und die attraktive Federhaube. Alles schon lange Vergangenheit!

Ein einziges Mal habe ich in den Jahren danach am Wolfsbach noch eine Bekassine beobachten können. Bei ihren akrobatischen Balzflügen gerieten im Abwärtssausen die ab-gespreizten Schwanzfedern in Schwingung und erzeugten einen vibrierenden Summton, der lautmalerisch sehr treffend mit „Meckern“ beschrieben wird. Bis zum heutigen Tag ist das ein unvergessliches Erlebnis geblieben – nicht nur, weil es sich leider nie mehr wiederholt hat. Auch Bekassinen gibt es bei uns schon lange nicht mehr.

Bleiben wir bei den Vögeln: In den Kartoffelreihen tummelten sich junge Rebhühner, manches Mal auch Kiebitzjunge. Sie waren noch kleiner als ein Hühnerei und wir Buben bildeten uns ein, wir könnten eins davon fangen. Aber es gelang nicht ein einziges Mal, so sehr wir uns auch bemühten. Blitzschnell waren sie zwischen den Kartoffelstauden verschwunden. Wir hätten im Übrigen auch gar nicht gewusst, was wir mit ihnen anfangen sollten, was denn?
Diese Frage stellt sich heutigen Kindern längst nicht mehr. Sie kennen diese beiden Vogelarten – und viele andere – nur noch von Abbildungen, wenn überhaupt. In unserer Gemarkung jedenfalls finden wir diese Vögel nicht mehr.

Noch einen anderen Feldvogel muss ich erwähnen: die Wachtel. Ich habe zwar in der freien Natur noch nie eine gesehen, weil dieses kleine Feldhuhn extrem scheu ist und nahezu unsichtbar in dichter Vegetation lebt. Aber seinen charakteristischen „pickwerwick“-Ruf habe ich noch vor drei oder vier Jahren von weit aus der Gemarkung bis auf unseren Balkon hören können. Jetzt ist der Ruf verstummt.

Mit dem Hinweis, dass die einst bunte und vielfältige Vogelwelt leider auch an der Winterfütterung – wo es am deutlichsten sichtbar wird – erschreckend artenärmer und sogar auch merklich individuenärmer geworden ist, möchte ich diesen Teil des Berichts ab-schließen.

Als unser Sohn ins Fragealter kam, habe ich mich intensiver um die heimische Pflanzenwelt gekümmert. Ich wollte nicht so häufig „Ich weiß es nicht, ich kenne diese Blume nicht“ antworten müssen. 
An einer benachbarten Ackerböschung fotografierte ich die dortigen Wildpflanzen, bestimmte sie und beschriftete die Dias mit den korrekten Namen. Dann konnte ich die Bilder bequem ohne Projektor am Fenster betrachten und die Namen lernen. Es waren: Schafgarbe, Johanniskraut, Wilder Dost, Wilde Möhre, Malve und noch einige andere Wildpflanzen, von denen etliche Arten Jahrhunderte lang als die „Apotheke der Dorfbevölkerung“ galten. 
Heute finden wir diese Wildpflanzen nicht mehr, jedenfalls nicht mehr an diesem Standort: die Feldraine werden regelmäßig bereits im Frühjahr gemulcht, so dass dort überhaupt keine Wildpflanzen mehr wachsen, reifen und Samen entwickeln können. 
Dass das eine absolute Katastrophe für alle Raupenarten und die komplette Insektenwelt bedeutet, sei hier nur am Rande erwähnt!

Nur ein einziges Mal habe ich vor einigen Jahren an einem Ackerrand noch einen Acker-Rittersporn fotografieren können. Im Bestimmungsbuch wird er als „Unkrautbestand vor allem auf Getreideäckern“ beschrieben, die Pflanze ist demnach früher wohl sehr häufig gewesen. Ackerunkräuter gibt es inzwischen eigentlich nur noch in Pflanzenbestimmungsbüchern.

Ähnlich dramatisch sind auch andere Pflanzenbestände eingebrochen bzw. sogar komplett verschwunden. Ein Beispiel dafür mögen die Wiesenschlüsselblumen sein, die im März und April die „Wölferwiesen“ in der östlichen Bindsächser Gemarkung in ein groß-flächiges auffällig leuchtendes Gelb färbten, das man schon von weit her sehen konnte. 
Nach und nach konnte ich in den Folgejahren immer häufiger nur noch einzelne Pflanzen fotografieren, die sich lediglich dort am Rand der Wiese noch erhalten hatten, wo kein Dünger hinkam. Inzwischen ist der komplette Gemarkungsteil (und die restliche Gemarkung ebenfalls) frei von Schlüsselblumen (und vielen, vielen weiteren Wildpflanzen).

Besonders bunt waren im Frühjahr die Wiesen in den Bachniederungen. Hier blühten u.a. die Kuckucks-Lichtnelke und vor allem der Schlangenwurz-Knöterich, den wir Buben we-gen seiner zylindrischen Blütenform „Zahnbürste“ nannten, zu Abertausenden und färbten die feuchten „Grundwiesen“ in ein komplettes Rosa. Heute findet man mit viel Glück dort vielleicht noch ein oder zwei Pflanzen, eher noch nicht einmal eine einzige.

Die Flurbereinigung in den 1960er Jahren mit ihren großflächigen Drainagemaßnahmen, die in den Nachfolgejahren üppige Gülledüngung in Verbindung mit einer oft mehrfachen Mahd und die Tatsache, dass bereits durch die Entfernung des Grünschnitts für die Silage gar keine Samen mehr ausfallen konnten, sind der Grund dafür, dass sich inzwischen in den Böden häufig gar keine keimfähigen Wildblumensamen mehr befinden.

Im Steinbachtal habe ich (etwa 1983) bei einer Exkursion Dr. Walter Sper, dem damaligen Umweltdezernenten des Wetteraukreises, eine Wiese vorgestellt, auf der über 300 Exemplare des Breitblättrigen Knabenkrauts wuchsen – ein absolut beeindruckendes Bild! In den Folgejahren sind diese Pflanzen nach und nach komplett verschwunden. Die Hoffnung von uns Naturschützern ist es, dass sich vielleicht doch noch keimfähige Samen im Boden befinden, die bei einer günstigeren Bewirtschaftung wieder auflaufen. Auch aus diesem Grund setzen wir uns leidenschaftlich für die Ausweisung dieser und der ebenfalls ökologisch wertvollen Nachbarflächen als Naturschutzgebiet ein.

Auch in den Hausgärten hat sich vieles verändert – und leider überhaupt nichts zum Guten…
Wenn mein Vater frühmorgens im Baumstück hinter dem Hausgarten frisches Futter für die Stallhasen gemäht hatte und mit ernstem Gesicht zum Frühstück kam, wussten wir alle schon Bescheid. Dann hatte er mit der Sense unbeabsichtigt eine Blindschleiche oder eine Erdkröte erwischt. 
Diese Befürchtung braucht man heute nicht mehr zu haben. Hausgärten sind im Lauf der Jahre immer steriler geworden und auch der Rasenroboter hinterlässt nichts Lebendes.


Ach ja, das Thema „Wasser“ hätte ich fast vergessen.

Wenn wir uns als Buben auf dem damals noch viel einfacher gestalteten Dorfsportplatz ausgetobt hatten und durstig waren, legten wir uns am Rand des Sportfelds auf den Boden und tranken Wasser aus dem dort vorbeiführenden Entwässerungsgraben, der aus den angrenzenden Wiesen kam. Nicht ein einziges Mal hatten wir danach Durchfall oder andere Beschwerden. Aber wie gesagt: damals…

Diesen Graben gibt es schon lange nicht mehr. Heute führt der Wolfsbach nach der in den 1960er Jahren durchgeführten Flurbereinigung und den in der gesamten Gemarkung verlegten flächenhaften Drainagen erst wieder Wasser ab dem Auslauf aus der Kläranlage weit unterhalb des Dorfes. Die Feuchtigkeit, die im Lauf des Jahres als Regen und Schnee auf die Landschaft niedergeht, ist kurze Zeit später schon auf dem Weg zur Nordsee. Und die Trinkwasserentnahmen aus dem Ballungsraum Frankfurt verschärfen die Situation noch erheblich.

Die Forellen, von denen wir Buben verbotenerweise ab und zu mal eine fingen (äußerst schwierig und strafrechtlich auch längst verjährt!) und die zahlreichen Bachkrebse im damals sauberen Bachwasser sind schon lange, lange nur noch Erinnerung. Meinen Kindern habe ich dann, nachdem ich vom zunehmenden Medikamentencocktail in den Abwässern erfahren hatte, vom Spielen am Bach dringend abgeraten.

Wie sieht es aktuell aus?

Auf die komplett andere Situation beim Düngen und dem Einsatz von Chemikalien in der Landbewirtschaftung will ich an dieser Stelle nicht eingehen. Auch nicht auf die finanziellen Zwänge, denen die Landwirte heute mehr denn je ausgesetzt sind.
Und ich verbinde meine Kritik ausdrücklich auch nicht mit persönlichen Vorhaltungen.

Ein kritischer Blick sei jedoch auf die Methoden gestattet, mit denen heute die landwirtschaftliche Bewirtschaftung auf früher undenkbar großen Flächen durchgeführt wird – und das leider zeitgleich in der gesamten Gemarkung und mit dem Einsatz von zahlreichen umstrittenen Chemikalien.

Auf den Äckern dominieren die Spritzpläne, beim (inzwischen mehrfachen) Mähen der Wiesen überleben weder Feldlerchen noch Insekten oder Kleinsäuger. Hinter den niedergemähten Schwaden landen Wildvögel und sammeln ihre vorzerlegte Nahrung ein.

Es fallen auch keine Samen mehr aus.

Die Ackerraine und die Raine an den Feldwegen – früher eine wichtige und hoch geschätzte Heilkräuter-Apotheke der Dorfbevölkerung – werden ebenfalls schon frühzeitig im Jahr gemulcht. Auch dort gibt es keine Blüten und keine Samen und auch keine Raupen und Insekten mehr.

Unsere Landschaften sind inzwischen weitgehend blumen- und blütenfrei. Kein Wunder, dass unser Honig weitgehend aus vielen Teilen der Welt importiert wird.

Wie man da noch ernsthaft der Meinung sein kann, eine Landschaft mit reichhaltiger Ausstattung an wildlebenden Tieren und wildwachsenden Pflanzen erhalte sich lediglich durch eine herkömmliche Bewirtschaftung, ist mir unverständlich.

Und noch unverständlicher ist mir, dass die Landwirte, die von und mit der Natur leben und leicht sehr viel für einen besseren Naturschutz tun könnten, in vielen Fällen dessen größte Gegner sind.

Ihr leidenschaftlicher Widerspruch – das ist meine bittere Erfahrung – und die fehlende Standfestigkeit der hessischen Landesregierung für eine gesicherte Artenvielfalt in einer noch weitgehend intakten Landschaft haben seither die Ausweisung des Steinbachtals als Naturschutzgebiet verhindert. 

 

Autor: Von Alfred Leiß, 20.03.2026